Vortrag von Dr. Helmut Morsbach: "Was wäre gewesen, wenn eine chinesische Flotte schon vor 600 Jahren das Kap der Guten Hoffnung umrundet hätte?"

Datum / Zeit
Mittwoch, 10. Mai 17 | 18:30 Uhr | ca.1.5 Std.
Ort
OAG-Bibliothek, im 4. Stock des OAG-Hauses
Kosten
Eintritt frei
Sprache
deutsch
Anmeldung
nicht erforderlich

Aus meiner Biographie (siehe unten) wird ersichtlich, dass mein Leben auch sehr anders hätte verlaufen können. Als Sozialpsychologe interessieren mich gelegentliche Spekulationen über den möglichen Verlauf des menschlichen Lebens und weiterhin den möglichen Verlauf der Menschheitsgeschichte. Solcher Ansatz bekam im Englischen die Bezeichnung “contra-factual history” mit der kurzen Frage: “WHAT IF?”, d.h. „Was wäre gewesen, wenn..?“

Was wäre z.B. wohl passiert, wenn vor fast sechs Jahrhunderten die damals weltweit größte chinesische Ozeanflotte nach mehreren erfolgreichen (aber teuren) Handelsexpeditionen weiterhin in Richtung Westen vorgestoßen wäre ‒ über Indien, Arabien und Ostafrika hinaus? Solche Groß-Expeditionen gab es nur für weniger als drei Jahrzehnte lang nach der allerersten Reise (gestartet 1405). Oberbefehlshaber war der im heutigen China hochberühmte Admiral Zhèng Hé (geb. 1371, gest. um 1434). Er war ein äußerst tatkräftiger muslimischer Eunuch und stand dem Ming-Kaiser Yongle besonders nahe.

Auf einer seiner letzten Expeditionen soll er sogar die Insel Madagaskar erreicht haben, welche dem südöstlichen afrikanischen Kontinent vorgelagert ist. Einige seiner rein hölzernen Schiffe waren selbst für heutige Tage riesig ‒ bis zu 120 Meter lang und 50 Meter breit ‒ der Größe eines Fussballfelds (105 x 68 Meter). Im Vergleich dazu hatten die erst rund sechzig Jahre später von Lissabon segelnden portugiesischen Schiffe nur ein Fünftel der Größe (siehe Abbildung) und eine wesentlich kleinere Besatzung.

 

Doch nach ungefähr sieben Expeditionen wurden alle weiteren vom chinesischen Kaiserhaus abgesagt, hauptsächlich aus Kostengründen. So leitete dieser freiwillige „Rückzieher“ Jahrhunderte der In-sich-Gekehrtheit Chinas ein. Der Bau von ozeantüchtigen Schiffen wurde nach und nach verboten. Viele Dokumente über die Expeditionen wurden verbrannt.
Wie anders hätte die Weltgeschichte sich wohl entwickelt, wenn eine chinesische Flotte die südlichste Spitze von Afrika umrundet hätte? Dann wäre chinesischer Handel mit Westafrika und Westeuropa vielleicht möglich geworden. Sogar eine chinesische Erschließung der amerikanischen Erdteile wäre nicht unmöglich gewesen, mehrere Jahrzehnte vor den Entdeckungsreisen von Kolumbus. Würden wir deshalb heute Chinesisch statt Englisch als wichtigste Welt-Handelssprache benutzen?

Helmut Morsbach: Ich wurde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Kapstadt (an der Südspitze Afrikas) geboren. 1938 fuhr ich dann mit meiner deutschen Mutter und meinem südafrikanischen Vater auf einem deutschen Schiff in das sich (noch kurze Zeit) „friedliebend“ gebende Deutschland. Dort erhielt mein Vater als praktischer Arzt eine Ausbildung als Chirurg. Erst zehn Jahre später gelang uns allen dann die Seefahrt zurück in das Land meiner Geburt, und zwar von Lissabon aus auf einem portugiesischen Kohlenpott.
Vor genau fünfzig Jahren schaukelte ich dann von Kapstadt aus in sechs Wochen nach Japan auf Einladung der ICU (International Christian University). Das holländische Schiff hatte eine chinesische Mannschaft. Kurz hinter Südafrika explodierte ein Schiffskessel und hielt uns eine Woche in einem Hafen von Madagaskar fest.

In Hong Kong betrat ich dann erstmals chinesischen Boden. An der ICU hatte ich je zu einem Drittel japanische, chinesische und US-amerikanische Studenten in meinen Vorlesungen. Viele Jahre später konnte ich auch ein Semester lang in Beijing unterrichten. So verstärkte sich auch mein Interesse an der Geschichte chinesischen „Großmachtstrebens“ und der Frage nach „Was wäre gewesen, wenn…?“

Im Anschluss an den Vortrag findet die Eröffnung der Ausstellung von Taku Kawaguchi bei einem kleinen Umtrunk im Foyer statt.



Über Vorträge und Gesprächsabende

Drei- bis viermal monatlich (außer im Juli/August) sind Vorträge vorgesehen, traditionell am Mittwochabend um 18.30 Uhr. Die Vorträge dauern in der Regel eine Stunde, gefolgt von einer halben Stunde Diskussion, die Sie gerne bei Essen und Trinken in der „Bier- und Kaffeestube Bodensee Akasaka“ im OAG-Haus fortsetzen können. Veranstaltungssprache ist Deutsch.

Gesprächsabende behandeln aktuelle gesellschaftliche Themen, die uns noch nicht den wissenschaftlichen Überblick oder den historischen Rückblick erlauben, der normalerweise in den Vorträgen gepflegt wird.

Oft stecken zwei Sprecher den thematischen Rahmen ab. Die moderierte Diskussion im Anschluss an die relativ kurzen Präsentationen bringt oftmals überraschende Zusammenhänge sonst schwer einzuordnender Einzelerscheinungen. Umso mehr trägt die Vielfalt der Sichtweisen zum Erfolg des Gesprächskreises bei. Veranstaltungssprache ist Deutsch.